Lauftipps
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Regentropfensplitter

Mein Trainingspartner sagt: „Tut mir echt voll Leid und so, aber ich habe noch etwas Wichtiges vor und kann leider nicht mitlaufen.“

Er meint: „Keine zehn Pferde bekommen mich bei diesem schneidend kalten Schneeregen in das milchig trübe Nebelnass. Was soll ich da auch. Auf einem Weg, der fast so sehr Fluss ist wie der Kanal daneben“. Ich kann fast durch das Telefon hören, wie er abwehrend die Arme unter seinen drei Wollpullovern verschränkt und sich noch tiefer im flauschigen Sofa vergräbt.

Heute wäre ich am liebsten auch im Sofa versunken. Der Trainingsplan schlägt nach dem zehnten Blick aber immer noch keinen Ruhetag vor. Stattdessen zeigt er unbarmherzig einen Tempodauerlauf. In der Hoffnung auf einen plötzlichen Klimawandel schiebe ich den Lauf so lange nach hinten, bis es fast dunkel ist. Schließlich versuche ich meine Familie, alle erreichbaren Trainingspartner, Freunde, Mitbewohner und sogar, sehr verzweifelt, die Haustiere zum Mitkommen zu bewegen. Ohne Erfolg. Alle haben bedauerlicherweise noch etwas Wichtiges vor. Einen Termin mit dem Sofa oder ähnliches.

Ich seufze und gehe alleine raus. Gehe alleine laufen und fühle mich ein wenig einsam und arg nass und ein bisschen wie ein Flusspferd beim Schlammlauf. Draußen ist es so kalt, dass sich die Regentropfen anfühlen wie kleine Splitter, die sich in meine Wangen bohren. Bei jedem Schritt muss ich mich gegen den Wind lehnen wie gegen eine unnachgiebige Wand. Ich schaue nach unten und krümme mich unter den Regen, versuche ganz klein zu sein. Jede Schlammpfütze überspringe ich und die Hände vergrabe ich tief in den Ärmeln. 3.40 min pro Kilometer soll ich laufen. Es erscheint mir unmöglich. Trotzdem laufe ich. Ich versuche, irgendwie voranzukommen. Aber so klappt es einfach nicht. Irgendwann merke ich, dass es wirklich sinnfrei ist sich so zu verkriechen. Vielleicht kann ich ja einfach das Wetter ignorieren… Ich hebe vorsichtig den Kopf und trotze den Elementen. Ich lächle den Tropfen entgegen und springe nach einiger Zeit wie ein Kind in jede Pfütze. Ist ja eigentlich nicht giftig dieser Schlamm.

Und wisst ihr was das Merkwürdige ist? Es hilft. Wirklich!

So aufrecht fühlt sich der Regen viel weniger kalt an. Ich werde schneller und laufe mit größeren Schritten. Es ist zwar immer noch kalt, aber solange ich das Wetter nicht schlimmer rede als es wirklich ist, kann es mir nichts anhaben. Das 3.40er Tempo lässt sich plötzlich halten. Und nicht nur das, es ist viel weniger anstrengend. Ich fühle mich irgendwie stark, weil ich nicht nur bei Sonnenschein rausgehe. So, als wären Wind und Regen keine Gegner mehr, sondern Verbündete.

Beim Ankommen habe ich wieder richtig gute Laune. Strahlend komme ich in die warme Wohnung. Es fühlt sich einfach unglaublich gut an. So, als hätte ich wirklich etwas geschafft (habe ich ja auch ;)) und etwas Gutes für meinen Körper und mein Leistungsvermögen getan. Die Dusche ist jetzt nach dem Lauf noch viel schöner, der Chai-Tee noch schmackhafter. Mein Trainingspartner ruft an und fragt, ob wir zusammen ins Fitnessstudio gehen wollen. Er glaubt mir nicht, dass ich tatsächlich allein los war. Also erzähle ich ihm wie die Eisschollen auf dem Kanal treiben und von den Regentropfensplittern. Ich höre ihn mit den Zähnen klappern. Er versteht meinen Stimmungswandel nicht. Man versteht es eben nur, wenn man selbst draußen durch die Schlammpfützen gesprungen ist.

Also: Geht raus, springt durch die Pfützen und sagt mir, ob es sich immer noch so schlimm anfühlt!

 

Bis bald, euer schlammverspritzt-verschmitzt-nass-glückliches Laufbiest.

Laubiest featu

3 Kommentare

  1. Werner sagt

    Cool! Hier in NRW haben noch Eis statt Pfützen. Aber wer hat denn das Foto gemacht ohne Trainingspartner?

    • Laufbiest sagt

      Das Foto ist ein paar Tage früher entstanden…, es wollte ja weder jemand fotografieren noch mitlaufen 😉 Liebe Grüße nach NRW 🙂

  2. Farbhexe sagt

    Hey, das erinnert mich an diese Tage, wenn der Regen gegen die Fenster peitscht, der Wind ums Haus heult und warmer Tee und Buch neben dem Sofa so verdammt verlockend aussehen, dass ich fast den Hund vergessen hätte, der leider trotzdem vor die Tür muss… An so einem Tag würde ich zwar nie auf die Idee kommen, meine Laufschuhe anzuziehen, aber die großen treuen Augen erinnern mich an eine andere Art von Trainingsplan. Und so knuffig ich meinen zotteligen Freund auch finde, habe ich manchmal sowas von keine Lust auf die Begleitumstände 😉 Aber es hilft ja nix. Also rein in die Gummistiefel, Regenhose und-jacke über bis ich knistere wie ein Schokoweihnachtsmann (Ja, meine Gedanken nehmen schon wieder diese Richtung…) und hinaus in den Regen. Ich muss ja auch nur die Straße runter bis zum Waldrand. Doch wenn ich da erstmal angekommen bin, habe ich meist doch keine Lust mehr, direkt umzudrehen. Nun bin ich draußen und eh schon nass, genieße die frische Luft und die Befriedigung den Elementen zu trotzen. Außerdem habe ich bei diesem Wetter den Feldweg für mich. Es braucht mir nicht mal peinlich zu sein, wenn ich laut singe. Bei dem Wind hört mich ja keiner. Und so war es dann doch ein längerer Spaziergang, nass und siegreich kehren ich und mein tropfnasser Freund ins warme Haus zurück. Ich kann dich verstehen, Laufbiest. Hinterher fühlt man sich großartig! Ich hoffe trotzdem, es scheint bald wieder die Sonne 😀

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